Valdichiana

valdichDas Chiana-Tal (Valdichiana) hat eine interessante Geschichte aufzuweisen. Zu Zeiten der Etrusker war es eine Kornkammer; hier wuchs der "Farro" (Dinkel). Chiusi war eine der zwölf Königsstädte des Etruskerreiches und vor 2500 Jahren doppelt so groß und bevölkerungsreich wie heute. Am berühmtesten wurde König Porsenna, der 504 v. Chr. Rom eroberte, aber wieder abzog, weil er Frieden und keine Okkupation wollte. Chianciano, Montepulciano und Cortona haben ebenfalls eine etruskische Vergangenheit.

Der Chiana-Fluß floß noch zu Römerzeiten nach Süden in den Tiber. Die Heer- und Handelsstraße Via Cassia von Rom nach Florenz, die heute ein ganzes Stück weiter westlich durch die Berge führt, verlief ursprünglich über Chiusi und Arezzo. Ende des 1. Jahrtausends versumpfte das Tal, weil das Geröll, das die Bäche von den Bergen herunterspülten, von niemanden mehr beseitigt wurde. Stechmücken breiteten sich aus, weshalb der Bischof von Chiusi ins höher gelegene Montepulciano umzog. Schließlich war die Wasser- und Sumpffläche 12.000 Hektar groß, die der Landwirtschaft entzogen waren.

leonardo

Im Mittelalter haben viele Gelehrte, darunter Leonardo da Vinci (Grafik: Leonardos Valdichiana aus der Vogelperspektive) und Galileo Galilei, Pläne zur Trockenlegung des Valdichiana ausgearbeitet. Die Medici bauten den Chiana-Hauptkanal (Canale Maestro), der den Fluß nun in Richtung Norden in den Arno führte. Dieser Kanal diente auch als Schiffahrtsweg. Für die Entwässerung des Tales war er jedoch unzureichend; es blieben mehrere Seen und Sümpfe bestehen. Wo bereits 215 n. Chr. Kaiser Hadrian die Via Lauretena angelegt hatte,  führte ein Holzdamm von der heute noch existierenden Kirche "Madonna del Ponte" (Foto unten) nach Ponte di Valiano an der Ostseite des Tals; dort war eine kleine Festung, und es wurde Brückenzoll erhoben. Der Damm war die einzige Anbindung von Montepulciano, einer Exklave inmitten Sieneser Gebiets, an das florentinische Territorium mit Cortina. Die historische Via Lauretana, Teil des Pilgerwegs nach Madonna di Loreto, von Cortina über Valiano, Abbadia di Montepulciano, Sinalunga und Asciano wurde dann von Großherzog Piero Leopoldo im 18. Jahrhundert als befestigte Straße wiederbelebt und heißt noch heute in ihrer ganzen Länge in allen Ortschaften so, die sie durchquert.

Damals begann man mit der systematischen Trockenlegung des Tals. Erst nach der Bildung des italienischen Staates Ende des 19. Jahrhunderts wurde die sie jedoch abgeschlossen. (Grafik: Die Flußumkehr des Chiana über die Jahrhunderte).

1849

Die Zuflüsse des neuen Chiana-Kanals wurden ebenfalls ins Nordrichtung umgeleitet. Um erneute Versumpfung zu vermeiden, wurden sie jedoch nicht unmittelbar in den "Canale Maestro", sondern in Flankenkanäle geführt. Die Umkehr der Chiana-Zuflüsse kann man sehr gut am Salarco beobachten. Erkommt von Montefollonico herab und wird nach -einem Stauwehr (von 1849) über einen aufgeschütteten Kanal statt nord- nun südwärts geleitet. Die Flußumkehr brachte aber auch Probleme mit sich: Der Arno bekam nun noch mehr Wasser, es kam zu Hochwasserkatastrophen wie 1966, als Florenz unter Wasser stand. (Siehe auch Grafik: Heutiger Bereich Acquaviva - Montepulciano Stazione - Valiano vor der Umleitung des Salarco).


chianciano_tal#Nachdem etwa um 1880 das Tal trockengelegt war (Zeichnung oben: Das Tal vor dieser Situation mit Chianciano im Vordergrund), begann eine intensive Landwirtschaft. Die neu gewonnene Fläche wurde in zehn große Güter (darunter Abbadia und Gracciano) aufgeteilt, die der Staat versteigerte, um damit die Tro

ckenlegung zu finanzieren. Die neuen Herren bauten "Poderi", in denen die Landarbeiter als Halbpächter (mezzadri) wohnten. Mit der Zeit und zuletzt während der Mussolini-Ära kamen auch kleinere Landarbeiterhäuser hinzu. Die Felder waren eingerahmt durch lange "file" aus Maulbeerbäumen, Weiden und 

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Weinstöcken (siehe Foto Winterlandschaft). Die Anpflanzung der Maulbeeren war 

im 18. Jahrhundert durch Großherzog Leopold, den späteren Kaiser Leopold II, den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, verordnet worden. Leider ist diese Landschaftsstruktur nur noch in Resten vorhanden. Die Maulbeerbäume dienten zur Zucht von Seidenraupen. In mehreren der alten Poderi hat der große zentrale Wohnraum mit Kamin einen Aufbau, in dem die Seidencocons warm und trocken gelagert wurden.torrione

Ein besonders interessantes Bau-Ensemble aus dieser Zeit ist die fast 5 Kilometer lange, schnurgerade "Via Fila", mit ihren regelmäßig verteilten Poderi, die parallel zum Chiana-Kanal verläuft (im Foto ganz oben verläuft sie quer über die Bildmitte). In diesen heute unbewohnten Häusern lebten jeweils bis zu 40 Menschen. Im nördlichen Teil der Via Fila befindet sich der "Torrione" (Foto), das rot getünchte Haus mit dem Turm. Hier war das Zentrum mit Schul- und Versammlungsraum. Hier fanden auch die Feste statt. Die Stadt Montepulciano hat in ihrem Antrag an die UNESCO, als Welt-Kultur- und Naturerbe (Lago di Montepulciano) anerkannt zu werden, auch die Via Fila als architektonisches Beispiel aufgeführt.

Viele Landarbeiter kamen nach den 2. Weltkrieg aus dem Süden, darunter aus religiösen Gründen verfolgte Protestanten aus Benevent-Avellino; diese Minderheit gibt es immer noch, und sie hat eine kleine Kapelle (Chiesa Evangelica) am Bahnhof von Montepulciano.

Angebaut wurden von Anfang an Getreide, Tabak und Zuckerrüben. Ein Deutscher namens August Braubach errichtete bei Foiano um 1880 die erste moderne Zuckerfabrik Italiens. Auch am Bahnhof von Montepulciano entstand später eine Zuckerfabrik. Die Rüben werden heute zentral in Castiglion Fiorentino verarbeitet. Der Tabak wurde vor allem für die berühmten "Toscani", krumme Zigarren, aber natürlich vorwiegend für "Nazionali"-Zigaretten genutzt. Das Zentrum der Tabakverarbeitung war Foiano. Seit ewigen Zeiten gehörte die Rinderzucht zum Valdichiana. Darunter die weißen Rinder, die nur im Stall gehalten wurden (siehe Foto). stallIn den 20er Jahren unseres Jahrhunderts wurden dafür Zuchtkriterien entwickelt. Es entstand die berühmte "Razza Chianina", das Chiana-Rind mit dem zarten Fleisch, das als "Bistecca fiorentina" in Florenz gefragt ist.

Die Bauern waren seit dem 13. Jahrhundert als "mezzadri" (Halbpächter) von den Großgrundbesitzern abhängig, mußten ihre Produkte bis auf einen kleinen Eigenanteil abliefern und wohnten dafür umsonst. 1902 kam es im südlichen Valdichiana zu einem Streik der Bauerliga und der Sozialisten gegen immer neue Lasten, die im Rahmen der Mezzadria den Bauern aufgebürdet wurden. Der Streik wurde durch Carabinieri, Militär und Schnellverfahren beim Gericht in Montepulciano (Vorwand: Die Mezzadri hatten das Vieh nicht gefüttert) erstickt.

Nach der Abschaffung der Halbpacht (mezzadria) durch die Volksfrontregierung nach dem 2. Weltkrieg hatten die Landarbeiter ein Vorkaufsrecht für die von ihnen bewohnten Häuser. Viele gründeten ihre eigene Existenz, andere gingen Ende der 50er Jahre setzte die große Landflucht ein, die Mechanisierung der Landwirtschaft blieb nicht ohne Folgen. Die alten Ochsenkarren (Foto unten) gehörten bald der Vergenheit an. Ein Gehöft nach dem anderen wurde verlassen, eines nach dem anderen verfiel. Erst in den letzten Jahren finden die verlassenen Häuser wieder Interessenten, die sie liebevoll restaurieren.

Allerdings war das Tal mittlerweile zu trocken geworden, der Grundwasserspiegel gesunken. 2011 wurde Abhilfe geschaffen: Seither führt ein dickes Wasserrohr bei Valiano in das Tal, das vom Stausee von Montedoglio nördlich von Sansepolcro kommt, der auch dafür sorgt, dass der Wasserspiegel des Lago Trasimeno wieder das gewünschte stabile Niveau erhält. Heute sind alle glücklich, dass der ursprüngliche Plan, auch die "Chiari" von Montepulciano und Chiusi trockenzulegen, nie realisiert wurde.

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